10 Jahre – Kunstverein

Rede 10 Jahre Kunstverein Buchholz

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde, Mitglieder und Förderer des Kunstvereins Buchholz,

lieber Christoph Selke, lieber Sven Nommensen, liebe Katja Staats, liebe Bärbel Blunck,

 

es ist mir ein Vergnügen, heute morgen hier sprechen zu dürfen. Der Anlass ist auch für mich kein Alltagsgeschäft, schliesslich geht es nicht darum, eine Vorlesung zu halten, studentische Arbeiten zu befragen oder eine Ausstellung zu besprechen. Anlass ist das 10jährige Jubiläum Ihres Kunstvereins, zu dem Sie mich eingeladen haben und wegen dem ich aus Bern hierher nach Buchholz in der Nordheide gekommen bin. Es ist ein langer Weg. Unweigerlich habe ich mich also gefragt, warum gerade ich eingeladen wurde – aber der Kunstverein, so zeigt das künstlerische Programm, kennt sich aus mit intelligenten Einladungen. Man hat sich also etwas dabei gedacht. Das beruhigt.
Wenn man aus Bern kommt und noch dazu etwas mit Kunst zu tun hat, muss man entweder Paul Klee oder Harald Szeemann erwähnen.  Oder – wie ich – beide. Der letztere war in den Sechziger Jahren Direktor der Berner Kunsthalle und machte in dieser Zeit eine auch für die heutige Arbeit von Kunstvereinen sicherlich programmatische Ausstellung When Attitudes become Form. Über seine Arbeit sagt er im Jahr 2000:

 

«U wäge dem säg i immer, also anunfürsich die Uufgaab äh Usschtellige zmache und äs Läbe lang mit de Chünschtler zverbringe, wo für mi die ideale Gsellschaft si – wo mes immer mit eim ztüe hät und quasi also die Gsellschaft sich us Additione vo Begägnige zammesätzt, muess me mit Häärz läbe.» [1]

 

Ich übersetze wohl besser:

„Und deswegen sage ich immer, die Aufgabe, Ausstellungen zu machen und ein Leben lang mit den Künstlern zu verbringen, die für mich die ideale Gesellschaft sind, diese vielen Begegnungen muss man mit Herz leben.“

 

Der andere, Paul Klee, ist Ihnen allen geläufig, er hat viel gemalt, gezeichnet, er hat Puppen gebaut und Möbel und er hat über die Kunst gesprochen in einer Weise, die auch heute noch gerne zitiert wird. „Die Kunst“, so eines seiner berühmtesten Zitate, „Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“[2] Dieses, so möchte ich betonen, könnte man auch über Kunstvereine sagen.

 

Ich zitiere also beide, Paul Klee und Harald Szeemann, denn beide Zitate können über die Begeisterung für das, was sich hinter dem so einfach klingenden Titel

10 Jahre – 62 Ausstellungen

verbirgt und was Grund der heutigen Feier ist, etwas Wesentliches verraten.

 

Ich möchte also meine Aufgabe wahrnehmen und über Kunstvereine sprechen, zuerst aber möchte ich schnell noch etwas Zeit verschwenden – zumal hier bislang Zeit investiert wurde. Indem ich über die Arbeit, die hier in vielen freiwillig bereitgestellten Stunden geleistet wurde und wird, aber auch über das Engagement spreche, das ein Jubiläum von 10 Jahren zweifellos bezeugt. Es lässt sich nicht hochrechnen – zumindest kann ich es nicht – aber 10 Jahre Vereinsarbeit  bedeuten sehr viele Autofahrten, Kistentransporte, sehr viele Stunden in Künstlerateliers und Galerien, Zeit am Telefon,  Zeit für die Überzeugungsarbeit von Sponsoren und städtischen Ämtern, beim Ausrechnen des Budgets, bei der Gestaltung und beim Versand von Einladungen, mindestens, so dachte ich mir, 78 Stunden beim Einschlagen von Nägeln und 95 Stunden beim Streichen von Wänden, wir wollen nicht über das Putzen der Waschräume sprechen, vielleicht aber über die Organisation und Durchführung von Kunstfahrten von der Automiete, über die Bewerbung zum Rundgang in anderer Leute Museen und Kunstvereinen.

 

Dieses ist ein kleiner Ausschnitt, ich habe sicherlich das ein oder andere und vieles mehr vergessen. Und es ist vielleicht eben auch dieses, was Szeemann mit der Formulierung „mit Häärz läbe“, „mit dem Herzen leben“, beschreibt.

In einer Zeit also, in der viele Kunstvereine mit finanziellen Sorgen zu kämpfen haben, Kunstvereinsleiter ob anstehender Sparvorgaben ihre Posten räumen oder ihnen das Ende droht, weil der Nachwuchs für die Vereinsarbeit fehlt, in einer Zeit, in der sich in den Städten ob des Kunstmarktbooms zugleich für kurze Zeit immer neue Räume, off-Spaces und off-off-Spaces gründen, hat Buchholz mit seinem Kunstverein Glück gehabt. Man könnte natürlich fragen, warum man sich überhaupt einen Kunstverein leisten sollte. Es gibt schliesslich Museen, offizielle staatliche Kulturinstitutionen, es gibt Galerien und Kunsthochschulen mit denen an sie assoziierten Ausstellungsräumen. Eine Überlegung, die übrigens Chus Martinez, die ehemalige Direktorin des Frankfurter Kunstvereins, zu dem empörten Ausruf brachte: „Stellen Sie sich Deutschland ohne Kunstvereine vor! Was bleibt, ist mehr oder weniger Official Culture.“

 

Tatsächlich bilden Kunstvereine  einen wichtigen Freiraum, indem sie eine Lücke in der scheinbar nahtlosen Kette der Kunstinstitutionen schliessen: zwischen Kunsthochschule, Galerie und Museum. Während das Bildungssystem der Kunsthochschulen  jungen Künstlerinnen und Künstlern verspricht, ihre  Arbeitsformen erproben und eine künstlerische Haltung entwickeln können und die kommerziellen Galerien sich gerade die Künstlerinnen und Künstler wählen, welche ihnen eine erfolgversprechende weitere Vermarktung erlauben, präsentieren Museen und Ausstellungshallen in der Regel Positionen, die sich bereits im Markt gefestigt haben. Kunstvereine aber sind der Ort, an dem Künstlerinnen und Künstler oftmals ihre erste Ausstellung haben. Ein nichtkommerzieller  und nichtstaatlicher Ort, der als solcher offen ist für künstlerisches Experimentieren und Agieren und der zugleich das Erprobungsfeld von künstlerischen Strategien in einer ersten Annäherung mit der Öffentlichkeit bietet. Dieses ist der Grund, warum Ausstellungen in Kunstvereinen häufig anders sind: oftmals installativ, raumbezogen, partizipativ, intervenierend, gegen den Markt, voll von Widersprüchen, kritisch, manchmal trendy, manchmal nicht. Kurz gefasst: Ausstellungen in Kunstvereinen sind lebendig und experimentell.

 

Sie haben hier in Buchholz in den letzen 10 Jahren einiges davon erlebt: neben den Künstlern aus der Region haben Sie mit Stefan Wewerka, Herbert Zangs, Ludwig Wilding und Corneille internationale Grössen gesehen, Sie haben erste regionale Ausstellungen ausländischer Künstler gesehen, zum Beispiel Lars Christensen oder Josep Vallribera, Sie haben gesehen wie sich junge Talente ausprobiert haben – zum Teil in Themenausstellungen wie „Trautes Heim“,  „Pflanze“ oder wie sie im kommenden Herbst hier zu sehen sein werden: „Identität“. Immer wieder hat auch der Kunstverein Buchholz in der Art, mit der er aktuelle Themen aufgegriffen und diesen mittels Kunst Sichtbarkeit gegeben hat, gezeigt, dass er im Kleeschen Sinne ein Kunstort ist.

 

Ich erinnere an das eingangs erwähnte Kleezitat: „Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ Ein Kunstverein in diesem Sinne wäre ein Kommunikationsort, ein Laboratorium gewissermassen, das zu einer Plattform der Auseinandersetzung, der Formfindung werden kann. Ein Kunstort, an dem sich zeigt, was ist. Hier in Buchholz und anderswo. Und das, wie gesagt, seit 10 Jahren.

 

Meine Damen und Herren: Ich wünsche dem Kunstverein Buchholz auch für die kommenden 10 Jahre und darüber hinaus die für seine Arbeit notwendige Beachtung und Anerkennung, natürlich aber auch die notwendige finanzielle Unterstützung und ein lebendiges, streitlustige, interessiertes, vor allem aber aktives Publikum.

 

10 Jahre Kunstverein Buchholz, das ist – und damit möchte ich schliessen – durchaus einen langen Applaus wert.

 

Barbara Mauck

 

 

 

 

 


[1]Harald Szeemann am 31. Dezember 2000 in: Das prominente Mikrophon, Schweizer Radio DRS 1.

[2] Paul Klee in: Die schöpferische Konfession, 1920.

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